All die Tage

"All die Tage, die kamen und gingen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie das Leben sind." (Stig H. Johansson)

Wer hätte Anfang März 2020 gedacht, wie die nächsten 365 Tage aussehen werden? Ich glaube, niemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass wir nur noch mit Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit unterwegs sein werden, so gut wie alle Urlaube canceln müssen und wir unsere Zeit fast nur noch zu Hause verbringen werden. Ganz zu schweigen, dass wir uns von Lockdown zu Lockdown schaffen, sich für unsere Kinder kaum Betreuungsmöglichkeiten bieten, und wenn sie dann da sind, man zum Teil auch nicht so genau weiß, ob es bei den hohen Inzidenzen wirklich so ratsam ist, die Kinder dort abzugeben. Und all das ist nur ein kleiner Auszug von all dem, was zwischen März 2020 und März 2021 so los war bzw. eben nicht los war, als hätte jemand den Pauseknopf gedrückt und die Welt, das Leben wurde angehalten. So schien und scheint es. In der Beobachtung war es ein wenig so, als befänden wir uns in Schockstarre, ohnmächtig selbst zu entscheiden, was getan werden kann. Viele fühlten sich wie Marionetten herumgeschubst. Wer hätte gedacht, dass das unser Leben ist?

Doch genauso ist es. Jeder Tag, wie auch immer er verlaufen mag, ist ein Tag unseres Lebens. Und, wir haben nicht alles in der Hand, was unseren Tag gestaltet, wir haben nur in der Hand, wie wir damit umgehen. Und das ist eine der größten Herausforderungen in dieser Zeit, sich nicht in dem Frust, der Verzweiflung, der Wut zu verlieren, auch wenn all das seine Berechtigung hat. Es ist wichtig, sich dieser Gefühle bewusst zu sein und sie auch zulassen zu können. Letztendlich hat man nur dann die Wahl, wie man weiter damit umgehen möchte. Möchte man sich dem Kollektiv-Gemecker anschließen? Ja, es gab bestimmt Entscheidungen, die hätten anders getroffen werden können. Doch wer weiß, ob es uns damit besser gegangen wäre? Wer durchblickt dieses komplexe Gemenge und alles, was damit zusammenhängt, wirklich?

Ich denke, uns allen fehlen schöne Erlebnisse, Veranstaltungen, Dinge, auf die man sich im Vorfeld schon freuen kann. Wie sagt man doch so schön "Vorfreude ist die schönste Freude", und genau das ist es, was uns "genommen" wurde. Wir können nichts planen, wir können nur von Woche zu Woche, von Tag zu Tag agieren. Wir haben wenig zu erzählen, worauf wir uns freuen und wir haben wenig zu erzählen, was wir in der letzten Zeit erlebt haben. Irgendwie ist da ein großes Vakuum. Was macht man mit sich und der Zeit, wenn im Außen alles wegfällt? Ich wurde letztens gefragt, da ich kein Alkohol trinke, wie ich diese Zeit denn ohne Alkohol aushalten würde? Diese Aussage hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ist es wirklich so, dass man es nur aushält, wenn man sich noch mehr "betäubt"? Für mich ist es eher an der Zeit, dieses Taubheitsgefühl des letzten Jahres aufzuheben. Dinge zu finden, die das Vakuum wieder füllen und uns erlauben, auch damit zufrieden zu sein.

Ja, es gibt vieles, was wir nicht mehr machen können. Doch es gibt auch vieles, was es neu zu entdecken gibt, und was auch ganz viele Menschen tun. Zeit in der Natur verbringen, neue Hobbies kennenlernen, mehr Gespräche, auch wenn sie nur über Medien laufen. Doch viele berichten davon weiterhin mit einer tiefen Wehmut in der Stimme. „Ja, das ist ja alles ganz schön, aber eigentlich hätte ich gerne etwas anderes.“ Doch dieses "Ich hätte gerne etwas anderes" ist nicht erst seit Corona so. Wieviele Menschen leben im "später". "Das mache ich, wenn ich mal ganz viel Zeit habe, wenn ich Urlaub habe, wenn ich in Rente bin."

Ich glaube dieses "Ich hätte gerne etwas anderes" wird jetzt in der Coronazeit einfach noch mehr potenziert. Natürlich weil vieles wegfällt, in dem wir uns gut eingerichtet hatten. Doch vielleicht auch, weil man jetzt so viele Anhänger mehr hat, die lautstark dieses "Ich hätte gerne etwas anderes" kundtun. Und man kann noch mehr die Verantwortung, dass man dieses eben nicht lebt, nach außen projizieren. "Ich würde ja, wenn Corona nicht wäre", "ich würde ja, doch die Regierung lässt mich nicht". 

Um es richtig zu stellen, ich möchte es nicht schön reden. Ich spreche hier nicht von den harten Schicksalsschlägen. Ich spreche hier nicht von gesundheitlichem oder heftigen wirtschaftlichem Verlust. Ich habe Geschichten gehört, die mir den Atem nehmen, für die ich keine Worte finde. Geschichten, bei denen ich mich wirklich frage "Warum muss so etwas einem Menschen passieren?" Doch bei diesen Geschichten geht es nicht darum, ob ich bald wieder nach Dubai fliegen kann, oder wann endlich der nächste Baumarkt wieder aufmacht.

Ich verstehe, dass wir uns alle auf Entspannung freuen, auf Dinge, die uns gut tun und die wir früher machen konnten. Doch unser Leben findet auch jetzt statt, nicht erst wieder nach "Corona" (wobei sowieso fraglich ist, ob es ein wirkliches "nach Corona" geben wird). Auch und gerade jetzt gilt, die Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen. Worauf wirft man seinen Blick? Auf alles, was nicht geht? Oder auf alles, was trotz allem oder sogar deswegen geht? Die Frage ist auch, darf man in der Öffentlichkeit überhaupt kundtun, dass man etwas Leichtigkeit in sein Leben lässt, wo doch alles gerade so schwer ist? Oder wird man dann schief angeguckt? Darf man von der Sonne sprechen, auch wenn sie hinter den Wolken versteckt ist?

Beeindruckend finde ich, wie viele Kinder und Jugendliche damit umgehen. Natürlich, sie haben nicht unbedingt die finanzielle Seite im Nacken, doch ich denke, wir können uns einiges von ihnen abgucken. So hat mir eine Teenagerin berichtet, dass sie durch das Homeschooling so vieles gelernt hat, was sie sonst nicht gelernt hätte. Sie weiß jetzt, wie man Wäsche macht, wie man Mathematik praktisch verwendet, wenn man Fliesen zurecht schneiden muss, wie man aus frischen Zutaten Essen zubereitet. Dinge fürs Leben halt.

Genau, Dinge fürs Leben halt. Was uns diese Zeit lehrt, ist, wie wir mit dem Leben umgehen. Gerade auch, wenn es an fast keiner Ecke so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben. Unser Leben, all die Tage. Es gibt kein anderes, doch wir können wählen, aus welchem Blickwinkel wir darauf schauen. Wir können wählen, ob wir betäubt weitermarschieren, oder uns immer wieder feinjustieren und mit der Welle schwimmen. Spätestens, wenn im Außen nicht viel an Ablenkung bleibt, ist es Zeit, sich mit sich auseinanderzusetzen. Was ist es wirklich, was mich gerade frustriert? Was ist es genau, was mich in oder an meinem Leben stört? Und in welchem, mir möglichen Rahmen, könnte ich es in eine bessere Richtung bringen? Was sind die Dinge, die mich begeistern, die ich selbst in der Hand habe, zu gestalten? Wo kann ich noch mehr Verantwortung für mich übernehmen, damit ich mich nicht so fremdgesteuert fühle? Die Antwort kommt nicht immer gleich, die Lösung ist vielleicht auch nicht immer perfekt. Doch, wenn wir uns mit den richtigen Fragen befassen und nach Lösungen suchen, werden sie auch kommen. Unser Unterbewusstsein kann ungelöste Fragen nämlich nicht ausstehen. Und die Lösung muss nicht perfekt sein, um gut zu sein.

Die "Kleinigkeiten", die wir in der Hand haben, sind es, damit wir sagen können "All die Tage, die kamen und gingen. Ich wusste, dass sie mein Leben sind."

 

Liebe Grüße, Martina