Weihnachten 2020 - Zeit, sich neu zu erfinden

"Habt ihr eine Weihnachtstradition?" - Völlig unvermittelt trifft mich zwischen Kamm und Schere diese Frage meines Kunden. "Habt ihr eine Weihnachtstradition?" - Und mit dieser Frage die Erkenntnis, dass nichts mehr so ist, wie es mal war. Unsere Tradition hat sich über die letzten Jahre mehr und mehr verabschiedet. Mit dieser Frage wird mir mal wieder bewusst, wie das Leben ein einziger Veränderungsprozess ist.

"Habt ihr eine Weihnachtstradition?" - Irgendwie fängt es ja schon damit an, wenn wir, die Kinder, uns nach und nach auf unseren Weg machen, flügge werden. Spätestens wenn man selbst oder die Geschwister ausziehen und die eigene kleine Familie gegründet wird, spätestens dann ziehen neue Rituale ein. Wann feiert man wo bei wem, und mit wem überhaupt? Als "junge" Kinder waren wir Geschwister natürlich alle an Heiligabend mit den Eltern zusammen, mit Blätterteigpastete und Ragout Fin, bis es sich nach und nach immer mehr auflöste. Ich als Jüngste war noch die längste Zeit an Heiligabend dort, mit Weihnachtsglöckchen vor der Bescherung, Singen, Wunderkerzen am Baum, und Blätterteigpastete. Bei Manchem ist es doch einfach schön, es so lange wie möglich zu erhalten.

Je älter man wird, findet sich dann fast wie von selbst ein neuer Rhythmus. Ein Rhythmus mit der eigenen kleinen Familie, mit der Ursprungsfamilie mit Eltern und Geschwistern und mit der Familie des Partners. Über die Jahre groovt sich das mehr und mehr ein und gilt als gesetzt. Das ist vielleicht auch, was den Zauber an Weihnachten ausmacht. Auch wenn das ganze Jahr turbulent und gespickt mit Überraschungen ist, an Weihnachten bleibt alles gleich. Bei uns hieß das, Heiligabend im kleinen Kreis, den nächsten Tag mit meiner Familie im etwas größeren Kreis und leuchtenden Kinderaugen, den anderen Tag mit meiner Schwiegerfamilie und lecker-saftigen Gansessen.

"Habt ihr eine Weihnachtstradition?" - Gerade in diesem Jahr, dem "Corona-Jahr", das für jeden von uns turbulent und gespickt mit allerlei Überraschungen war, bleibt noch nicht einmal Weihnachten, an dem alles läuft, wie die Jahre zuvor. So blieb dieses Thema "Wie macht ihr es dieses Jahr an Weihnachten?" natürlich auch im Friseursalon nicht außen vor. Mich hat es auch sehr interessiert, wie jeder einzelne damit umgeht. Wobei es letztendlich die Wenigsten so genau wussten, wie sie es machen werden. Und dann kam die Frage retour, von meinem Kunden. Und da erst wurde mir wirklich bewusst, dass unsere Tradition nicht nur coronabedingt ein neues Update benötigt.

Angefangen hat alles damit, dass vor ein paar Jahren der Bäcker, der uns immer mit den leckeren Blätterteigpasteten Jahr für Jahr so zuverlässig und ausgezeichnet beliefert hat, in seinen wohlverdienten Ruhestand gegangen ist. Keine Blätterteigpasteten, dann auch kein Ragou Fin, klarer Fall, denn was zusammengehört, gehört zusammen oder eben gar nicht. Und für den neuen Essensplan gibt es ja einige Alternativen, das Angebot ist breitgefächert und so fiel die Wahl bei uns auf das vielerorts bekannte und beliebte Raclette, mit zwei Pfännchen für jeden. So war dieses Thema recht schnell gelöst.

Doch wie ist das mit der Familientradition, wenn plötzlich ein Elternteil nicht mehr da ist? Bei uns ist es dieses Jahr das dritte Weihnachtsfest ohne unseren Papa. In diesem Fall verändert sich alles einschlägig und es wird neu sortiert. Irgendwie fühlt es sich zu Beginn etwas wacklig an, wir versuchen einen neuen Weg zu finden. Was bleibt, ist das Treffen mit der Großfamilie und den leuchtenden Kinderaugen an dem einen und dem leckeren Gansessen an dem anderen Tag. Und wir bekommen das auch ganz gut hin, Papa ist ja doch auf eine bestimmte Art mit dabei.

"Habt ihr eine Familientradition?" Ja, was soll ich sagen. Letztes Jahr kam dann die Auflösung meiner eigenen Kleinfamilie. Und mit dieser Trennung verschwand dann für mich auch das Gansessen. Zumindest der Tag mit der Großfamilie und den leuchtenden Kinderaugen blieb. Und dieses Jahr? Weihnachten 2020? Dieses Jahr entfällt nun auch das Treffen mit der Großfamilie. Dieses Jahr arbeite ich noch nicht einmal, wie sonst, bis kurz vor der Bescherung.

 

"Habt ihr eine Familientradition?" - Meine Antwort darauf: "Ach, weißt du, dieses Jahr drücken wir den Reset-Knopf. Und dann erfinden wir im nächsten Jahr die Tradition ganz neu." Und so wird es mir, dankbar für diese Frage, auf einmal ganz klar. Eine neue Tradition muss her.

Und soll euch etwas sagen? Ich freue mich darauf. Manchmal hat so ein Reset ja auch etwas Erfrischendes. Dieses Jahr wird heruntergefahren und dann können wir gucken, was passt und wie es passt. Manchmal tut es ja auch gut aus eingefahrenen Mustern auszusteigen. Auch das habe ich manchmal in Gesprächen mit anderen festgestellt. Da wird an Traditionen festgehalten, obwohl es alle Beteiligte irgendwie zu stressen scheint. Das Leben ist Wandel, das Leben ist Veränderung. Manchmal sogar an Weihnachten.

Dieses Jahr wird alles anders, doch ich bin zuversichtlich, dass es auf seine Weise auch irgendwie gut wird. Bei mir mit neuem Partner, viel Ruhe, Patchwork in welcher Form auch immer und Ragou Fin, jetzt mit selbstgemachten Blätterteigpasteten. Denn auch beim Neu-Erfinden darf Altes mit aufgenommen werden. So auch das Vertrauen, dass eins bleibt. Die leuchtenden Kinderaugen.

Und so könnte es gut sein, dass es dieses Jahr wirklich BeSINNliche Weihnachten werden. Wenn der Reset-Knopf gedrückt ist und alles runterfährt, wird Raum geschaffen, zu seinen Sinnen und zu Neuem zu finden.

Und das ist es, was ich Euch dieses Jahr ganz besonders wünsche. Gesunde, friedvolle und besinnliche Weihnachten für jeden von Euch und Euren Liebsten.

Eure Martina