Die Hauptrolle in deinem Lieblingsfilm

 

"Ich geh da nicht raus." - "Wie?" -"Ich geh da jetzt nicht raus." - "Du musst." - "Ich muss gar nichts. Ich packe jetzt meine Sachen, gehe nach Hause und leg mich in mein Bett." - "Das geht nicht." - "Du wirst schon sehen, wie das geht." - "Du kannst uns doch jetzt nicht hängen lassen. Du hast die Hauptrolle."

So ging es mir tatsächlich, damals in der Schulzeit bei unserem Auftritt der Musical-AG. Alle anderen der Truppe waren schon auf der Bühne als der Vorhang aufging, nur ich stand noch hinten bei der Band und wartete auf meinen Einsatz. Und kämpfte. Ich kämpfte mit mir, meinem Mut und meiner Angst, mit meinem Lampenfieber und der freudigen Aufregung, endlich zu zeigen, wofür ich die ganze Zeit geübt hatte. Doch gerade in diesem Moment schien die Angst die Oberhand zu gewinnen. Ich konnte unmöglich da jetzt gleich auf die Bühne gehen. Hunderte von Menschen saßen im Publikum, Bekannte und Unbekannte, Lehrer, Mitschüler, Eltern, Geschwister, Menschen von außerhalb. Und ich, da hinter der Bühne mit weichen Knien, klopfendem Herzen und ein Gefühl, als ob die Stimme gleich versagt. War das wirklich ich gewesen, die sich damals für die Hauptrolle gemeldet hatte? Hatte wirklich ich mich damals so glücklich gefühlt, als die Münze auf mich fiel? Jetzt gerade konnte ich mir das gar nicht mehr vorstellen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? In diesem Moment kam mir das als das Verrückteste vor, was ich jemals in meinem Leben angestellt hatte. Ich sollte da jetzt wirklich rausgehen, ins Rampenlicht? Am Ende vergesse ich meinen Text, vergeig die Töne beim Singen oder stolpere beim Tanzen. Lauter Horrorszenarien spielten sich innerhalb weniger Minuten in meinem Kopf ab, als ich da jetzt wartete. Die Stimmen in meinem Kopf wurden immer lauter, quatschten unaufhörlich auf mich ein, so dass mir fast schwindlig wurde.

"Ich geh da jetzt nicht raus." - "Doch, du gehst. Du kannst das. Du bist gut", sagte noch unser Schlagzeuger zu mir und dann war es soweit. Mein Einsatz, zack, nur ein Schritt und da stand ich nun im Scheinwerferlicht. Und alles, was vorher in meinem Kopf rumgespukt war, war vergessen. Jetzt zählte nur noch die Bühne, unsere Aufführung, die Musik. Nur ein Schritt und ich war voll und ganz in meiner Rolle, wie alle anderen um mich herum auch, nichts konnte und sollte uns aufhalten. Wir spielten uns durch Szene und Szene und die Zeit verging wie im Flug. Und am Ende? Tosender Applaus, Erleichterung, Standing Ovations und ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Alle Ängste und Sorgen von vorher waren weggeblasen, alle Arbeit, Anstrengungen und Auseinandersetzungen der letzten Wochen und Monate während der Vorbereitungszeit waren vergessen. Jetzt zählte nur noch eins, strahlende Augen, Schulterklopfen, Umarmungen und dieses tiefe Gefühl von Glück und der Gewissheit, es geschafft zu haben. Geschafft, trotz allem.

So, wie diese Erfahrung, geht es uns Tag für Tag immer wieder. Immer wieder werden wir aufgefordert, unsere Rolle einzunehmen. Wir haben in unserem Leben viele Rollen, die von uns gefordert werden. Doch wie oft drücken wir uns davor, wirklich die Hauptrolle zu übernehmen? Wie oft ziehen wir uns zurück oder bleiben wie ein Statist am Rand stehen und lassen geschehen, was das Leben so mit uns macht? Doch warum ist das so?

Auf der einen Seite braucht es Mut, Mut und einen Ruck für sich einzustehen. Natürlich kann es immer sein, dass wir daneben liegen, dass es Menschen gibt, die es nicht toll finden, was wir da so machen, die uns vielleicht sogar ausbuhen. Doch sehr oft gelingt uns das, was wir uns vorgenommen haben (oft verlieren wir das einfach aus dem Blick) und vor allem, gibt es viele Menschen, die hinter uns stehen, mit denen wir an einem Strang ziehen können und die wir vielleicht sogar inspirieren.

Oft halten uns auch alte Geschichten und Muster davon ab, wirklich das zu leben, was in uns schlummert. Da sind Erfahrungen und Überzeugungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Überzeugungen davon, was geht und was eben nicht, davon, was sein darf und was nicht, und Überzeugungen von "das kann ich und das eben nicht". Doch die Frage, die wir uns tatsächlich immer mal wieder stellen sollten, ist, ob das, was wir glauben, auch wirklich stimmt oder längst überholt ist. Wie viele Menschen gibt es, die dieses oder jenes trotzdem machen? Die Welt verändert sich, wir verändern uns, wir lernen dazu. Weshalb halten wir an diesen alten Sachen dennoch fest?

Meist, weil sie uns gar nicht bewusst sind. Wir haben sie irgendwann übernommen und sie haben sich eingebrannt. Oder wir schaffen es nicht, ein anderes Bild von uns zu entwickeln, weil wir in all dem Festhängen. Oder weil wir meinen, das altbewährte Bild von uns aufrechterhalten zu müssen, für uns und für die anderen. "Wer bin ich schon, dass ich mir das und das erlauben könnte?" fragen wir uns vielleicht. Doch, wer bist du, dass du es dir nicht erlaubst?

Oft meinen wir, dass wir Angst davor haben, weil wir uns zu kleinfühlen. Doch was ist, wenn unsere größte Angst darin besteht, wer wir wirklich sein könnten?

"Unsere größte Angst ist nicht, dass wir unzureichend sind. Unsere größte Angst ist, dass wir unermesslich kraftvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten ängstigt. ..." (Marianne Williamson)

Klar, es könnte sein, dass wir auffallen, wenn wir wirklich unser Potenzial leben. Es könnte sein, dass wir uns der Welt zeigen und tatsächlich sich viele Augen auf uns richten. Das ist der Moment, in dem wir sichtbar werden und spätestens dann Verantwortung übernehmen müssen. Das sind wahrscheinlich die Punkte, wovor wir am meisten Angst haben. Sichtbarkeit und Verantwortung, denn, was ist mit dem Rest der Mannschaft, wenn dann auf einmal die Hauptrolle fehlt?

Doch ganz ehrlich, was ist der Preis dafür, wenn wir es nicht tun? Wir ärgern uns, regen uns auf, hasten von hier nach da ohne Plan und Ziel, verzetteln uns. Wir werden von anderen Akteuren herumgeschuppst und nicht selten stürzt es den einen oder anderen von uns in Depression, Bournout oder Boreout oder letztendlich in eine Lethargie, in der wir irgendwann alles irgendwie über uns ergehen lassen. Doch davon hat keiner etwas und wir selbst am allerwenigsten.

Am besten geht es uns und unserer Umwelt damit, wenn wir wirklich unsere Rolle in unserem Leben einnehmen, unser Leben zu unserem Lieblingsfilm machen, in dem wir der Star, die Hauptrolle sind. Dann erleben wir Lebensfreude, da wir uns jeden Tag auf die Fortsetzung freuen, die Fortsetzung unseres Filmes mit den richtigen Menschen um uns herum, die wiederum ihre Rolle leben. Hand in Hand mit gegenseitigem Respekt und Vertrauen unsere gemeinsame Geschichte auf die Bühne bringen und das Publikum begeistern. Wie der Junge August in dem Buch "Wunder" von Raquel J. Palacio die Erkenntnis von sich gibt, dass es jeder einzelne verdient, mindestens einmal im Leben Standing Ovations zu bekommen, da er sein Leben auf seine Weise meistert. Und wie wäre es, wenn wir dieses Meistern nicht irgendwie tun, sondern in der besten Version von uns selbst, die wir sein können? Nicht in dem Sinne von "höher, schneller, weiter", sondern in dem Sinne, wofür wir gemacht sind und was als Talent in uns schlummert?

Wenn wir dem Folgen, was uns in unserem Inneren begeistert, sind wir schon sehr nah dran, das zu leben, wofür wir hier sind. Und selbst wenn am Ende nichts Hochtrabendes dabei herauskommt (was ja auch gar nicht immer sein muss), hatten wir vor allem eins: Freude und viele wunderbare Glücksgefühle, die sich wie innere Standing Ovations anfühlen.

Ich lade dich ein, entdecke mit mir dein Potenzial und übernehme die Hauptrolle in deinem Leben, damit es zu deinem Lieblingsfilm wird. Manchmal sind wir nur einen Schritt davon entfernt.

Herzlichst, Deine Martina